- Die Anordnung einer Nacherbschaft kann sinnvoll sein.

Probleme der Vor- und Nacherbschaft

Falls ich versterben sollte, erbt meine Ehefrau zuerst alles, da sie versorgt sein soll. Sie soll das Vermögen aber unbedingt zusammenhalten. Nacherbin wird unsere Tochter Lisa. Alles klar? Leider nicht.

Die Anordnung einer Nacherbschaft kann sinnvoll sein.
Mit dem Rechtsinstitut der Vor- und Nacherbschaft kann man bestimmen, dass der Erbe nicht frei und nach eigenem Willen über den Nachlass verfügen kann.

Herr B. schreibt sein Testament:

 

Falls ich versterben sollte, erbt meine Ehefrau zuerst alles, da sie versorgt sein soll. Sie soll das Vermögen aber unbedingt zusammenhalten. Nacherbin wird unsere Tochter Lisa.     

Alles klar? Leider nicht.

Meinte Herr B. etwa, dass seine Ehefrau Vorerbin mit allen gesetzlichen Verfügungsbeschränkungen werden sollte und die Rechte der Tochter auf den Nachlass schon gleich nach seinem Tod - und zwar völlig unabhängig vom künftigen Bedarf der Ehefrau  - gesichert werden sollen (z. B. durch den Eintrag des Nacherbenrechts ins Grundbuch)?

In dem Fall könnte die Ehefrau beispielweise nicht mehr ohne Zustimmung der Tochter das Haus verkaufen oder mit einem Kredit belasten, und zwar auch dann nicht, wenn sie das Geld für die eigene Versorgung benötigt.

Oder wollte Herr B. seiner Ehefrau zunächst den gesamten Nachlass ohne Verfügungsbeschränkungen zukommen lassen ("da sie versorgt sein soll")? War seine Formulierung, das Vermögen solle unbedingt zusammengehalten werden, nur ein Apell an seine Ehefrau und meinte er vielleicht vielmehr, die gemeinsame Tochter solle nach dem Tod der Ehefrau Schlusserbin (nicht Nacherbin) werden und dann das bekommen, was die Ehefrau aus dem Nachlass bis zu ihrem Tod nicht für ihre Versorgung verbraucht hat?

Über die richtige Auslegung können die Tochter und die Ehefrau im schlimmsten Fall lange vor Gericht streiten. Und das hat Herr B. unzweifelhaft nicht gewollt!

Mit dem Rechtsinstitut der Vor- und Nacherbschaft kann man bestimmen, dass der Erbe nicht frei und nach eigenem Willen über den Nachlass verfügen kann. Zu einem bestimmten festgelegten Datum oder Eintritt eines bestimmten Ereignisses (z. B. Wiederverheiratung, Tod des Vorerben) tritt dann der Nacherbfall ein. Der Nachlass ist dann von dem Vorerben an den Nacherben herauszugeben.

Die Anordnung einer Nacherbschaft kann sinnvoll sein, wenn:

  • bestimmtes Nachlassvermögen für die nächste Generation gesichert werden soll
  • bestimmte Vermögenswerte nicht an Dritte fallen sollen (z. B. in bestimmten Konstellationen bei Patchworkfamilien)
  •  auf das Verhalten von Vor- oder Nacherben Einfluss genommen werden soll und
  • wenn Erben behindert sind, verschwenderisch leben oder überschuldet sind. Hier kann durch die Vor- und Nacherbschaft in Verbindung mit anderen Maßnahmen verhindert werden, dass der Nachlass vom Staat oder von sonstigen Gläubigern vereinnahmt wird.

Steuerlich birgt die Vor- und Nacherbschaft allerdings vor allem Nachteile:

  • die Freibeträge in der Erbschaftssteuer werden nicht optimal ausgeschöpft
  • das gleiche Vermögen ist zuerst beim Vorerben und danach noch einmal beim Nacherben zu versteuern. Es findet also eine doppelte Besteuerung des gleichen vererbten Vermögens statt (Die vom Nacherben geschuldete Steuer fällt aber immerhin erst im Nacherbfall an).
  • einvernehmliche gestaltende Vereinbarungen der Vor- und Nacherben, wie z. B. Schenkungen des Vorerbvermögens an den Nacherben oder die Aufgabe der Nacherbenrechte können wiederum Schenkungssteuer auslösen.

Die steuerlichen Nachteile lassen sich durch sorgfältige Gestaltung der Rechtsnachfolge mit anderen rechtlichen Instrumenten als der Vor- und Nacherbschaft in der Regel unschwer vermeiden. Gleichzeitig können auch mit anderen rechtlichen Instrumenten die gewünschten  Wirkungen erzielt werden. 

In vielen Fällen sind die rechtlichen Folgen der Vor- und Nacherbschaft daher weder sinnvoll noch gewollt. Der größte Nachteil der Vor- und Nacherbschaft liegt aber in dem ganz erheblichen Streitpotential, welches im Erbfall durch ihre Anordnung entsteht. 

 

Frau Sabine Münzel, Rechtsanwältin, Fachanwältin für Erbrecht und Fachanwältin für Familienrecht ,steht
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